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| Tag 3... - oder: Atemberaubende Bootsfahrt |
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Shanghai ist
anders! ► Tag 0 - Auf geht's mit Geschrei ► Tag 1 - Shanghai lacht ► Tag 2 - Im Land der Fahrräder ► Tag 3 - Bootsfahrt ► Tag 4 - Shoppingwahn ► Tag 5 - Das Gehupe nervt ► Tag 6 - Nr. 5 ist groß genug ► Tag 7 - Der Preis ist heiß ► Tag 8 - Fehlende 2 Meter ► Tag 9 - Zünftige Bierstube ► Tag 10 - Über den Wolken ► Tag 11 - Fragen & Antworten ► Tag 12 - Letzte Runde ► Tag 13 - Der Abschied
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Täglich grüßt das Murmeltier, besser gesagt, täglich gute Laune dank dem chinesischen Wettergott. Wieder ist es trocken, die Temperaturen angenehm. Allerdings ist es heute nicht ganz so klar. Der typische Dunst hat sich etwas breit gemacht. Da ich am ersten Tag am Bund gesehen habe, dass hier, ähnlich wie in Köln, Hafenrundfahrten angeboten werden, stand also ein ordentlicher Bootstrip auf dem Programm. Nach unserem gemeinsamen Frühstück in der Lounge brachte ich Yvonne zum Hoteleingang, wo, wie abgesprochen, wieder Mr. Chen freundlich winkend stand und wartete. Mr. Chen war der Fahrer der Firma und sollte die nächsten Tage Yvonne ins Büro bringen. Im Nachhinein muss ich sagen, dass Mr. Chen der einzige Chinese war, dem ich sein Lächeln abnahm und wirklich glaubte, dass es von Herzen kam.
Das erste Bootsticket-Haus war meines. Wieder stand ich vor dem Problem: Wie mache ich der freundlichen jungen Frau klar, welche der angebotenen Hafenrundfahrten ich nun haben möchte. Aber es hat auch dieses mal geklappt. Mein Deuten auf die Zeiger meiner Uhr machte ihr deutlich, das es die kurze Tour sein soll. Nach etlichen Versuchen mir nun klar zu machen, dass ich knapp 20 Minuten genau hier warten soll, kam unser Busfahrer. Ja, genau, unser Busfahrer. Ich war schon verzweifelt, weil ich glaubte, das aus meiner Schiffstour nun eine Busrundreise durch Shanghai werden würde. Die Aufregung war umsonst. Wir wurden zur Schiffsanlegestelle gebracht, die wir in knapp 7-8 Minuten auch gut zu Fuß erreicht hätten.
Nachdem wir das Boot verlassen hatten, der Bus hatte wohl Verspätung, kam ich mit einer netten englischen Familie ins Gespräch. Die Eltern besuchten ihre Tochter, die seit knapp einem Jahr in einem Hotel in Shanghai an der Rezeption arbeitete. Von ihr bekam ich gute Tipps über den Kauf von Kleidung auf dem Stoffmarkt, Vorschläge fürs Nachtleben und einige Adressen mit auf den weiteren Weg.
Dieser führt mich zum Fake-Markt, dem Xiangyang-Markt. Obwohl es mitten in der Woche ist, könnte man die Gegend getrost wegen Überfüllung zeitweise schließen lassen. Hühner in der Legebatterie haben mehr Platz als Shoppingsüchtige Chinesen auf diesem Markt. Ich schaffe es nur mit allergrößter Anstrengung und dem lauten Organ meines Fahrers auszusteigen. Die Schwarzhändler drängeln sich um die Taxen herum, lassen die Fahrgäste nicht einmal aussteigen bevor sie ihre „Marken“-Produkte zum Kauf und Handel freigeben. Gemütsmenschen sind hier klar im Vorteil. Schnell auf 180 oder gereizt darf man an diesem Fleck Shanghais wirklich nicht sein. Sonst geht’s einem wie Michael Douglas in „Falling Down – Ein ganz normaler Tag“.
Ich habe das Gefühl, dieser Markt lebt mehr von der Hektik und der Atmosphäre als von der Qualität seiner Produkte. Überall hängen Logos weltbekannter Marken, dazu Preisschilder wie in einem Discounter. Alle paar Meter packen dich die Händler und ihre Gehilfen an den Ärmeln und säuseln: „Watch, DVD, lukki, lukki“, ins Ohr. Ein Nein wir erst nach dem dritten oder vierten Mal akzeptiert. Was bei mir mit einem Lachen und Schmunzeln begann, wuchs bald zu einer zarten Anpflanzung leichter Aggression aus. Sagen wir besser zu einer absoluten Genervtheit. Bis ich ein paar andere Touristen beobachten konnte, die aus dem Erlebnis „Xiangyang-Markt“ ein Spiel machten und dabei ihren Spaß hatten. Sofort betrachtete ich es nicht als Shopping, sondern als „Spiel des Handeln und Feilschens“. Schwupps, da war die gute Laune wieder da.
Die Geschäfte waren eigentlich gar keine Geschäfte. Es waren vielmehr Buden, garagenähnlich, angeordnet wie auf einem sehr undurchsichtigen Schachbrett. An diesem Tag kam ich an einigen dieser Garagen mehrmals vorbei, weil ich die eine oder andere Abbiegung schlicht verschlafen habe. Ich sah tolle Uhren zu unglaublichen Preisen, schöne Schuhe, tolle Klamotten, natürlich alles „Original“-ware, fast geschenkt. Dennoch machte sich in mir ein Gefühl breit, dass man Chinesen nix glauben darf und auch nix glauben kann. Das es sich um Fakes handelte war mir ja vorher klar, aber den Optimismus, dass die Dinge nicht schon nach kurzer Zeit kaputt gehen, konnte mir keiner der umtriebigen Verkäufer an diesem Tag geben. Aus Zweckgründen beließ ich es bei einer Sonnenbrille. Natürlich hipp, chinesisch „Original“ für umgerechnet 2 Euro. Die durfte bei diesem Preis ruhig kaputt gehen.
Die Füße machten sich bemerkbar, der Magen knurrte und die Uhr zeigte den nahenden Feierabend von Yvonne an. Also, ab zum Hotel. Kurz in den Fitnessraum, ein ausgedehntes Bad und dann ein Bierchen in Ehren. Kurz darauf kam Yvonne und wir beschlossen auf die andere Straßenseite zu Pizza Hut zu gehen. Auch wenn es tagsüber, vor allem für diese Jahreszeit, sehr warm war, fröstelte es Abends doch arg. Die Strassen gaben nach Einbruch der Dunkelheit fast nur noch Taxen her, die Bürgersteige waren aber genauso belebt wie am Tage. Und auch jetzt waren es wieder die kleinen Fressbuden, die magische Anziehungskraft auf die Chinesen hatten. Eigentlich müssten die fett und rund sein. Doch diese Eigenschaft überlassen sie besser den Amis. Chinesisches Essen, nicht jedermanns Geschmack, aber dick macht es beileibe nicht.
E
Drei Österreicher am Nachbartisch haben unserem Treiben zugesehen und sich köstlich amüsiert. Sie haben diese Tortur weinige Zeit vor uns ebenfalls mitgemacht, kannten aber dieses Spielchen schon aus etlichen Besuchen in Shanghai zuvor. Das die Freundlichkeit nur gespielt war, merkten wir schnell. Die Mitarbeiter tuschelten und redeten sich über uns die Zungen wund. Ihr kennt es doch bestimmt, wenn man merkt, dass man angegafft wird, oder wenn über einen getuschelt wird, oder? Als einer der Servicekräfte in Lauschnähe gekommen war, ließ ich einige Sprachfetzen chinesischer Laute fallen, gaukelte so vor, der Sprache zumindest etwas mächtig zu sein und blickte beim nächsten Tuschelversuch scharf in die Augen des Tuschlers. Da war selbst ihm klar: „Shit, die verstehen uns“. Von da an war die Freundlichkeit nicht nur gespielt, sie war ehrlich und überzeugend. Na, es geht doch. Die Bestellung war für mich mal wieder ein Reinfall. Irgendwie schmeckt alles anders. Und Kümmel mag ich nicht, besonders nicht auf meiner Pizza Hawaii. Also wieder Kitkat. Egal. Yvonne ist satt geworden, ich lebe von Luft, Liebe und eben Kitkat. Nur zur Anmerkung: Natürlich habe ich auch McDonalds und KFC probiert, aber auch das schmeckte total anders als bei uns. Als wir, gut, als Yvonne mit dem Essen fertig war, bemerkten wir heftiges Gelächter an einem der Nachbartische. Eine Gruppe Jugendlicher saß um einen Teller Salat herum. Eigentlich nichts besonderes. Allerdings sah der Salatteller aus, als hätte ihn eine spießige deutsche Familie vom Büfett ihres Mallorca-Hotels geholt. So etwas haben wir noch nie gesehen. Ein Turm frischen Grüns, Paprikas, Thunfischs, Gurken und einiges mehr tat sich auf. Okay, die Chinesen lieben Wolkenkratzer, aber mit dem Essen spielen? Uns wurde dann erklärt, nachdem wir völlig ungläubig auf diesen Turm der etwas anderen Art geschaut hatten, dass derjenige am Tisch gewinnt, der den höchsten dieser gesunden „Prachtbauten“ konstruieren kann. Sogar im Internet gibt es für den chinesischen Nachwuchs Anleitungen, wie man den Salat am besten anordnet, um diese Schlacht am Tisch für sich zu entscheiden. Naja, jeder wie ers mag. In der Hotelbar nehmen wir einen Absacker, sind dann froh endlich in Ruhe auf unserem Zimmer zu sein.
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